Bücher & Lesen | Schreiben & Poesie

GESCHRIEBEN WIE IM TRAUM

18. Januar 2019

Wie schreibt man mit Kind? Wie schreibt man über das Leben und das Schreiben mit einem Kind? In den allerersten Tagen dieses Jahres habe ich Department of Speculation(„Amt für Mutmaßungen“ in deutscher Übersetzung) von der in Brooklyn lebenden Autorin Jenny Offill gelesen. Auf ihr viel gelobtes Buch bin ich über den wunderbaren Austin Kleon gestoßen, der sich unter anderem mit ebendieser Frage nach der Vereinbarkeit von Kunst und Familie beschäftigt.

Eigentlich durchläuft dieses Thema den Roman aber nur hintergründig. Vordergründig spielt sich eine Geschichte ab, die einem irgendwie bekannt vorkommt: Zwei lernen sich kennen – beide sind jung, und leidenschaftlich der Kunst verschrieben. Sie verlieben sich, schreiben einander Briefe, heiraten, bekommen ein Kind. Sie bleibt zu Hause, kümmert sich um das ständig weinende Baby, fühlt sich abgetrennt vom alten Leben und traut sich mit Baby gerade mal bis zum nächsten Supermarkt. Die Welt fühlt sich plötzlich eng an. Eigentlich ist sie Schriftstellerin. Aber den zweiten Roman zu schreiben, daran ist gerade nicht zu denken. Noch weniger, als sie hinter die Affäre ihres Mannes kommt und eine Welt für sie zusammenbricht.

She remembers the first night she knew she loved him, the way the fear came rushing in. She laid her head on his chest and listened to his heart. One day this too will stop, she thought. The no, no, no of it.

Offhill, Dept. of Speculation, S. 102.

Es ist weniger die Geschichte, die diesen Roman besonders macht, als mehr die Art, wie sie erzählt wird. Wie aus dem Nichts scheinen die Fragmente, Zitate, Erinnerungen, kurzen Dialoge, Briefe oder gar Fun facts lose herangeschwebt zu kommen. Ein wenig so, wie wenn wir träumen und unser Unterbewusstsein merkwürdige Folgen von Erinnertem, Erlebtem, Ersehnten oder Befürchtetem vor unseren Augen abspielt.

Nach und nach aber fügen sich die Teile zu einem großen Ganzen, nämlich einer Familiengeschichte, mal tief melancholisch, mal ironisch-nüchtern, mal zärtlich-verspielt zu lesen.

Do you have a secret life? This is what she asks all her friends. Hardly any of the other writers do. But a few people avert their eyes before answering. No, they say. Either that or they tell her everything.

Offhill, Dept. of Speculation, S. 140.

Jenny Offill hat „Department of Speculation“ als Mutter einer kleinen Tochter geschrieben. Ihr erster Roman lag da bereits viele Jahre zurück. Und mit ihrem fragmentarisch aufgebauten Buch übersetzt sie nun ganz wunderbar das Alltagsgefühl vieler Eltern von kleinen Kindern: Nichts am Stück zu schaffen, die Aufmerksamkeit ständig vierzuteilen, zu verstreuen. Dauernd etwas anzufangen und kurz darauf wieder liegenlassen zu müssen. Künstlerisches Schaffen im Alltag mit Kind (jedenfalls, wenn es noch klein ist und nicht betreut wird) kann wohl nur so fragmentarisch-sprunghaft sein, wie dieser Roman es ist. Eine Skizze hier, ein Vers da. Sich ransetzen, solang das Kind schläft, vielleicht zwei Stunden, vielleicht nur zehn Minuten lang.

I run into an acquaintance on the street […]. “I think I must have missed your second book,” he says. “No,” I say. “There isn’t one.” He looks uncomfortable; both of us are calculating the years or maybe only I am. “Did something happen?” he says kindly after a moment. “Yes,” I explain.

Offill, Dept. of Speculation, S. 51.

Und genauso lässt sich „Department of Speculation“ auch wunderbar leicht neben Kind und den tausend anfallenden Alltagsaufgaben lesen – an den lose verwebten Absätzen entlanghangelnd, ohne aus dieser Geschichte über die Liebe, die Ehe, die Verzweiflung und das Weitermachen herauszufallen.

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  1. Cool Ida, das wäre auch was für mich…dass die Frage nach Kunst mit Kind schon gestellt wurde, ist eigentlich klar – ich war nur noch nicht drauf gekommen, danach zu suchen…höchst relevant, Danke!
    Schön, dass du wieder weitermachst. Nach 4 Jahren! Ist was passiert? Ja..! 🙂

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